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Bartgeier | Gypaetus barbatus
Lammergier | Bearded Vulture | Quebrantahuesos | פרס | Gypaète barbu
Von allen Geiern Europas ist der Bartgeier derjenige, den man allein an der Silhouette auf Kilometer Entfernung bestimmen kann: eine große, dunkle Sichel mit langem, keilförmigem Schwanz, die ohne einen einzigen Flügelschlag an einer Felswand entlanggleitet. Er ernährt sich fast ausschließlich von Knochen, und das erklärt sowohl seinen Körperbau als auch sein Verhalten.
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Stimme
Fast immer stumm. Am Horst und bei der Balz ein dünnes, hohes, falkenartiges tsee-ook oder ein schriller Pfiff, gelegentlich ein leises, schwatzendes chek-chek. Die Verständigung läuft überwiegend optisch: Tandemflüge des Paares, Aufstellen der Scheitelfedern und Aufplustern des Barts.
Aufnahme: Thomas SIGNEAU — CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Bestimmung
Sehr großer Greifvogel mit langen, schmalen, nach hinten gewinkelten Flügeln und einem langen, keilförmigen Schwanz, der länger ist als der Flügel breit – der einzige europäische Geier mit diesen Proportionen und das Merkmal, auf das es ankommt. Altvogel: oberseits schiefergrau bis schwärzlich mit hellen Federschäften, Kopf, Hals und Unterseite cremefarben bis tief rostorange (das Orange stammt vom Baden in eisenhaltigem Schlamm, nicht vom Gefieder selbst), eine schwarze Augenmaske, die in einen schwarzen Borstenbart unter dem Schnabel übergeht, und ein blutroter Augenring um ein strohgelbes Auge. Anders als bei den echten Geiern ist der Kopf vollständig befiedert, da der Vogel ihn nie in einen Kadaver steckt. Unausgefärbte Vögel sind einheitlich dunkel rußbraun mit schwärzlichem Kopf und Hals, haben breitere, stumpfere Flügel und einen kürzeren Schwanz und erreichen das Alterskleid nach fünf bis sieben Jahren.
Verwechslungsarten
Der Gänsegeier ist kürzer und viel breitflügeliger, mit kurzem, gerade abgeschnittenem Schwanz, der kaum über den Flügel hinausragt, stark gefingerten Handschwingen, einer gewölbten weißen Halskrause und eingezogenem, nacktem Kopf; er segelt mit deutlich V-förmig gehaltenen Flügeln. Der Mönchsgeier ist noch schwerer gebaut und einheitlich dunkel, mit sehr breiten, brettartigen Flügeln, geradem Hinterrand und kurzem, höchstens leicht keilförmigem Schwanz. Der Bartgeier segelt dagegen auf flach oder leicht abwärts gehaltenen Flügeln, streckt Kopf und Hals weit vor und zeigt den langen, rautenförmigen Schwanz; auf Entfernung erinnert die Gestalt eher an einen auf Geiergröße vergrößerten Falken als an einen Geier. Ein junger Bartgeier ist dunkler und breitflügeliger als ein Altvogel und wird am häufigsten mit dem Mönchsgeier verwechselt – auch dann wieder auf den Schwanz achten.
Lebensraum
Hochgebirge mit tiefen Tälern, senkrechten Felswänden und verlässlichen Aufwinden. Der Horst liegt in einer Höhle oder unter einem Überhang in einer unzugänglichen Wand, meist zwischen 500 und 2.500 Metern, und wird viele Jahre wiederverwendet. Sucht über Almen, Geröll, Schneefeldern und Gebüsch an und oberhalb der Baumgrenze nach Nahrung, in den südlichen Gebirgen auch über trockenem, steinigem Bergrasland, wo die Kadaver von Gämsen, Steinböcken, Murmeltieren und frei weidenden Schafen liegen. Typisch sind die traditionellen Knochenschmieden: glatte Felsplatten und steinige Hänge, an denen der Vogel seit Generationen Knochen zertrümmert.
Wo der Vogel vor allem zu Hause ist, eingeteilt nach EUNIS – dem europäischen Standard für Lebensräume.
Verbreitung und Zug
Die westeuropäische Hochburg sind die Pyrenäen mit weit über hundert Paaren auf beiden Seiten des Gebirges und Ausbreitung ins Kantabrische Gebirge und ins Iberische Randgebirge. Darüber hinaus Kreta (neun oder zehn Paare), Korsika (eine Handvoll Paare, ernsthaft bedroht), die Gebirge Anatoliens und der Kaukasus; auf dem Balkan ist er als Brutvogel nahezu verschwunden. In den Alpen wurde er um 1900 ausgerottet. Ab 1986 wurden in den Hohen Tauern, in Haute-Savoie, im Vercors und im Wallis Jungvögel freigelassen; das erste in freier Wildbahn geschlüpfte Küken flog 1997 aus, und heute gibt es mehr als hundert Paare, den zweitgrößten Bestand Europas. In Andalusien läuft seit 2006 in der Sierra de Cazorla, Segura y Las Villas ein zweites Wiederansiedlungsprojekt, mit dem ersten wild geborenen Küken 2015 und heute rund fünfzehn Revieren; Vögel wurden außerdem in den Picos de Europa, im Maestrazgo, in der Sierra Nevada und in den Grands Causses freigelassen.
- Jahresvogel
- Brutvogel (Sommer)
- Winter
- Durchzug
- dunkel = Kerngebiet, hell = dünn verbreitet
Wie und wann beobachten
In den Pyrenäen oder den Alpen einen klaren Morgen im Spätwinter oder Vorfrühling wählen und einen Aussichtspunkt mit Blick auf eine große Felswand und das Tal davor aufsuchen; zwischen neun und zwölf Uhr setzt die Thermik ein, und die Vögel patrouillieren an der Wand, oft auf Augenhöhe oder unterhalb des Beobachters. Auf der Südseite der Pyrenäen sind die Ansitzhütten an den Futterplätzen in der Sierra de Guara und um Ordesa am zuverlässigsten; in den Alpen die Täler um Leukerbad, die Vanoise und die Hohen Tauern. Bei jedem vorbeiziehenden Geier zuerst die Schwanzform prüfen, dann die Färbung.
Gefährdungsstatus
IUCN: Near Threatened (potenziell gefährdet). Weltweit nimmt die Art ab, in Europa erholt sie sich jedoch von einem historischen Tiefstand: Wiederansiedlungen, dauerhafte Futterplätze und der Schutz der Brutfelsen haben den europäischen Bestand auf etwa sechshundert bis tausend Paare gebracht. Die wichtigsten Todesursachen sind illegale Vergiftung durch Köder für Beutegreifer, Bleivergiftung durch Jagdmunition in Kadavern, Kollisionen mit Seilbahnen, Stromleitungen und Windkraftanlagen sowie Störungen an Brutfelsen durch Kletterer, Gleitschirmflieger und Drohnen. Da ein Paar höchstens ein Junges pro Jahr aufzieht und erst etwa im achten Lebensjahr zu brüten beginnt, wirkt der Verlust jedes Altvogels jahrelang im Bestand nach.
Wissenschaftlicher Name
Gypaetus barbatus | (Linnaeus, 1758)
Linnaeus beschrieb die Art 1758 als Vultur barbatus; weil sie später in eine andere Gattung gestellt wurde, stehen Autor und Jahr in Klammern. Die Gattung Gypaetus wurde 1784 von Storr eingeführt. Gypaetus kommt von griech. gupaietos, bei den antiken Autoren der Name dieses Vogels, gebildet aus gups ‚Geier‘ und aetos ‚Adler‘. barbatus ist lateinisch für ‚bärtig‘, von barba ‚Bart‘, nach dem schwarzen Borstenbüschel unter dem Schnabel.




